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Wir Hönower
Erschienen in der
Berliner Zeitung
Datum 09.11.1996
Autor: Miriam Hollstein
Angst vor dem Feind ist verboten
Am Schleipfuhl werden Boxer und andere Hunde ausgebildet
HÖNOW Seit 25 Jahren gibt es in Hönow einen Boxer-Club. Zweimal pro Woche treffen sich hier die Hundefreunde, um Züchtertips auszutauschen und ihre Vierbeiner auf Prüfungen vorzubereiten.
Ein Schuß knallt durch die Luft. Jüris bleibt unbeeindruckt. Auch der Mann, der drohend einen Schlagstock schwingt, kann sie nicht schrecken. Ein kurzes Knurren - schon hat sich die 15 Monate alte Boxerhündin im gepolsterten Lederärmel des Angreifers festgebissen. Zufrieden tätschelt Carsten Berndt den Rücken seines Hundes. Noch ist alles nur Training. Aber bald soll Jüris zur "Zuchttauglichkeitsprüfung" antreten, und da heißt es: Keine Angst vorm Feind! Wer das Weite sucht, ist durchgefallen. Bei zweimaligem Versagen helfen auch die besten Erbanlagen nichts mehr - der Hund wird nicht zur Zucht zugelassen.
Die Vorbereitung auf die Zuchtprüfung ist nur eine der Aufgaben des Boxerclubs. Auf dem Areal am Schleipfuhl in Hönow-Nord werden auch Begleit- und Schutzhunde ausgebildet. Dabei lernen die Vierbeiner, Kommandos zu folgen, Fährten aufzunehmen, Gegenstände zu apportieren und Missetäter zu verbellen. "Welche Prüfungen die Hunde schaffen, hängt vom Fleiß des Besitzers und von der Intelligenz des Hundes ab", erklärt der Klubvorsitzende Hans-Joachim Seidel.
Vor 25 Jahren hat der Boxer-Liebhaber gemeinsam mit Gleichgesinnten den Verein gegründet, der zu DDR-Zeiten zur "Sektion Dienst- und Gebrauchshunde" gehörte. Erst nach der Wende bildeten sich daraus Klubs für spezielle Rassen. Die Hönower schlossen sich dem Boxer-Club München an, dem größten seiner Art in ganz Deutschland. Inzwischen gibt es in Berlin und Brandenburg zwölf Boxerclubs. Der Treff in Hönow zählt rund 40 zweibeinige Mitglieder. Nicht alle von ihnen favorisieren die knautschgesichtigen Boxer. Auch andere Rassen wie Rottweiler oder Briards, eine französische Version des Schäferhundes, werden im Klub aufgenommen. Hunde ohne Papiere müssen zumindest "rassetypisch" aussehen; Mischlinge und kleine Hunderassen haben keine Chance. "Für die gibt es Hundeschulen", sagt Hans-Joachim Seidel. Schließlich sei der Klub "eigentlich ein Zuchtverein".
Der gelernte Tischler züchtet selbst seit 1962. In der DDR seien die Zuchtkriterien strenger gewesen, berichtet Seidel. Früher waren Zwinger vorgeschrieben. "Heute darf man überall züchten, und wenn es auf dem Klo ist", kritisiert er. Auch die "Kampfhund-Hysterie" sei für ostdeutsche Hundevereine ein neues Phänomen. "Viele dieser Rassen gab es bei uns gar nicht", so Seidel. Grundsätzlich sieht er das Problem beim Menschen, nicht beim Tier. "Man kann jede Rasse bösartig machen", weiß Seidel, "und umgekehrt kann ein Bullterrier genauso lieb sein wie jeder anderer Hund auch." Empfindlich reagiert der 54jährige Klubvorsitzende bei einem anderen Reizthema - dem Tierschutz. Das bei Boxern praktizierte Stutzen der Ohren ("Kupieren") wurde nach der Wende auch in den neuen Bundesländern verboten; nur bei der Rute dürfen die Züchter weiterhin Hand anlegen. "Gegen die Tiertransporte können die nichts machen, und da fangen sie dann halt bei den Kleinsten an - bei uns", wettert Seidel gegen die Tierschützer. Die Schlappohren würden nun häufig zu langwierigen Entzündungen führen. "Die Rute wird kupiert, wenn der Welpe drei Tage alt ist - das merkt der gar nicht", verteidigt er die Praxis der Stummelschwänze.
Für den Hundenachwuchs ist im Klub der Besitzer der tapferen Jüris zuständig. Als Hundezuchtwart betreut Carsten Berndt seit fünf Jahren Züchter und Welpen. Schon als Kind war er ein Hundenarr; daß er sich auf Boxer spezialisierte, war jedoch eher Zufall. "Der Boxer ist der einzige Hund mit Gesicht und Seele", schwärmt er heute über seine Lieblingsrasse. Die Größe sei ideal, die Tiere kinderlieb und wegen ihrer kurzen Haare pflegeleicht. Vor 15 Jahren ist Carsten Berndt dem Verein beigetreten. Seitdem fährt er regelmäßig nach Hönow, um mit seinen drei Hunden zu trainieren, mit den anderen Besitzern zu klönen oder Feste zu feiern. Meist sind auch seine Frau und die beiden Kinder dabei. "Hier ist es richtig familiär geworden", beschreibt er die Atmosphäre des Boxerklub. Zuhause in Falkenberg betreibt Carsten Berndt eine kleine Boxerzucht. Aus seinem jüngsten Wurf hat sogar der Sänger und Metropol-Intendant Rene Kollo ein Hundebaby erstanden. Leben kann Berndt von der Zucht allerdings nicht: 1500 Mark kostet ein Welpe, zwischen drei bis sechs verkauft Berndt pro Jahr. Deshalb ist der 34jährige hauptberuflich Tierwirt an der Humboldt-Universität. Zu seiner Arbeit gehört auch die Zucht, wenngleich es sich dabei um eine ganz andere Tierart handelt - tropentaugliche Hühner. +++
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